Vokalensemble für Musik des Mittelalters
am Dom zu Speyer


Die Klosterkirche und die Architektur der Zisterzienser
 
 
Ansicht der Apsis und des Nordquerarms von Nordosten

Die Geschichte des Zisterzienserordens wird seit langem erforscht, dabei hat sich das Bild ihrer Baukunst in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Der Überlieferung zufolge zog der Abt des Klosters Molesmes, Robert, am 21. März 1098 zusammen mit 21 Getreuen in ein Tal südlich von Dijon, Citeaux (Osterdum) genannt, um ein Leben strikt nach der Regula Sancti Benedicti zu führen. Schon um 1100 wurden die wesentlichen Regeln der neuen Kommunität festgehalten: Einhaltung der Benediktinerregel, ein Leben in Einfachheit und strenger Askese, in der Gemeinschaft des Gebets, verbunden mit der Verpflichtung zu körperlicher Arbeit, Verzicht auf Privateigentum und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Klöster. Bald hatte das novum monasterium einen derartigen Zulauf, dass zwischen 1113 und 1115 vier Neugründungen notwendig wurden, mit Citeaux die fünf Primarabteien des Ordens.

 Das rasche Aufblühen der Ordensreform machte eine straffe Organisation notwendig, so dass Stephan Harding, der dritte Abt von Citeaux, bereits 1114 Vorschriften u.a. über das Abhängigkeitsverhältnis der einzelnen Abteien untereinander und zur monastischen und liturgischen Ordnung erließ, die Charta Caritatis. Einer ihrer zentralen Punkte war, dass Abteien und von ihnen gegründete Klöster in engem Verband standen, so dass der Abt des Gründungsklosters die Befolgung der Regeln in seinen Tochterklöstern (Filiationen) durch jährliche Visitationen überwachte.

In der Architektur des Ordens kamen die o.g. Ideale des Gebets, der Askese und Weltabgeschiedenheit zum Ausdruck. Die Kirchen der Zisterzienser zeichnen sich durch Rationalität und Reduktion auf das Notwendige aus, in bewusstem Gegensatz u.a. zu Klosterkirchen der Cluniazenser. Drei Aspekte stehen im Vordergrund: die liturgische Funktion, der sichtbare Ausdruck der Gleichheit der Ordensmitglieder, die angemessene Gestaltung im Verzicht auf Überflüssiges. Den Gegenentwurf zur cluniazensischen Architektur lieferte der so genannte »Bernhardische Plan«. Er wird mit Bernhard von Clairvaux in Zusammenhang gebracht, der 1112 in den Orden eingetreten war. Bernhard formulierte nicht nur die Kritik am Bauaufwand von Cluny in seiner Apologia von 1123/24, er war auch der Bauherr der Abteikirche von Clairvaux, die neuesten Forschungen zufolge bereits um 1120 begonnen wurde. Dennoch war der »Idealplan« nicht bindend innerhalb des Ordens. Verantwortlich hierfür sind die architektonischen Unterschiede der fünf Primarklöster, die durch die Bindung von Tochter- und Mutterkloster exportiert wurden. So wurde z. B. der wegweisende Wandaufriss für Zisterzienserkirchen um 1130 in Pontigny entwickelt.


Blick ins Südseitenschiff nach Osten

Mithin existierte eine Fülle von Kombinationsmöglichkeiten, so dass heute nicht mehr von einem einheitlichen »Zisterzienserstil« ausgegangen wird. Zudem konnte die Forschung nachweisen, dass einzelne Bauten jeweils in die regionale Baupraxis eingebunden waren.  Im Spannungsfeld dieser Faktoren entstand auch die Otterberger Kirche, die verschiedene Charakteristika der Zisterzienserkirchen des 12./13. Jahrhunderts in sich vereint. Schon die Lage im Tal des Otterbachs erklärt sich aus dem Streben nach Weltabgeschiedenheit. Am Grundriss sind die Nebenkapellen an Querarmen und Chor hervorzuheben, gleichwertige Altarräume in denen die Priestermönche vornehmlich Messen lasen oder sich zu privaten Gebeten und Bußübungen zurückzogen. Die Messen wurden seit dem 13. Jahrhundert durch weltliche Stiftungen getragen. Die Länge der Kirche erklärt sich aus dem raschen Anwachsen der Konvente, zu deren Unterstützung in der Landwirtschaft meist viele Konversen (Laienbrüder) in die Gemeinschaft integriert wurden.

 
Chorseitenkapellen an der Ostseite des Nordquerarms (außen)

Die Westfassade blieb ohne Türme, auch dies ein Zeichen der Weltabkehr und Askese, ebenso die geplante Vorhalle, die die Distanz der Laien vergrößert hätte. Einziger Turm war der Dachreiter mit dem der Chor der Mönche unter der Vierung bezeichnet wurde. Im Inneren führte die Reduktion u.a. zum Verzicht auf Höhe. Charakteristisch sind u.a. die Konsolen auf denen die Gurtdienste in Gesimshöhe enden, daneben die Anlage von vier Portalen um den nur den Mönchen zugänglichen Bereich um die Vierung, die zu Kreuzgang, Sakristei, Dormitorium sowie zum Friedhof führen.

Figürlicher Schmuck entfiel bzw. blieb auf vegetabile Motive der Kämpfer und Kapitelle beschränkt. Dagegen steht die zweizonige Hochschiffwand in Kombination mit dem gebundenen System und auch die Quadertechnik im Kon­text der zeitgenössischen Architektur des Oberrheins. Eine Ableitung der Chorform von regionalen Vorbildern ist allerdings abzulehnen. Da Eberbach eine Filiation Clairvaux' und Otterberg eine Filiation Eberbachs ist, sind die drei Kapellen am Sanktuarium eher als Weiterentwicklung des bernhardinischen Plans zu verstehen.

Dabei entstand der Otterberger Chor aus einer eher allgemeinen Kenntnis der Bauformen der Primarabtei Pontigny, möglicherweise übermittelt von den an den jährlichen Generalkapiteln teilnehmenden Äbten.Wichtig in diesem Zusammenhang sind auch die baulichen Verbindungen zum Kloster Schönau, einer weiteren Filiation Eberbachs. Entstanden aus den verschiedenen Faktoren ist in Otterberg eine der eindruckvollsten Zisterzienserkirchen des 12./l3. Jahrhunderts in Deutschland und insofern ist nach wie vor Georg Dehios Feststellung von 1919 zuzustimmen, dass »wer Otterberg nicht gesehen hat, ... den Zisterziensergeist nicht ganz« kennt.


Kapitelsaal, Blick nach Osten
 
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Michael Jeiter, Morschenich
Hans Freytag, Neuhofen
Historisches Museum der Pfalz,
Speyer
Bischöfliches Bauamt, Speyer
Text:
Dr. Eduard Sebald
c/o Landesamt für
Denkmalpflege, Mainz
  Führungen:
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61679 Otterberg
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26.04.2011