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Vokalensemble für Musik des
Mittelalters
am Dom zu Speyer |
Wallonische
Glaubensflüchtlinge in Otterberg

Historische Ansicht von Otterberg, um 1600/1620
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Nachdem Luthers Programmschriften von
1520 der Reformation endgültig zum Durchbruch verholfen
hatten, breitete sich die neue Glaubenslehre rasch aus, u.a. im
Deutschen Reich, in der Schweiz und in den spanischen Niederlanden.
Besonders in Flandern und Brabant wurden Andersgläubige von Beginn an
verfolgt, so dass um 1540 erste Flüchtlinge ihre Heimat verlassen
mussten. Friedrich III. unterstützte als Vertreter der protestantischen
Länder die Glaubensbrüder, später die aufständischen Niederlande u.a.
gegen den seit 1567 mit großer Härte regierenden Statthalter Philipps
II., den »eisernen Herzog« Alba. Darüber hinaus nahm er zahlreiche
Flüchtlinge auf, vor allem französisch sprechende Wallonen aus
Flandern, die u.a. wegen der Sprachbarriere in Deutschland vielerorts
nicht geduldet wurden. 1562 siedelte er sie u.a. im aufgelösten
Zisterzienserkloster Schönau bei Heidelberg an. Als er 1576 starb,
wurde die Herrschaft unter den Söhnen Ludwig und Johann Casimir
aufgeteilt. Letzterer erhielt die Ämter Kaiserslautern, Neustadt und
Böckelheim, somit auch die leer stehende Abtei in Otterberg. 1578
forderte Ludwig, der Lutheraner war, die reformierte Gemeinde in
Schönau auf, entweder zum Luthertum überzutreten oder das Land zu
verlassen. Etwa 100 Wallonenfamilien zogen ins Gebiet um
Kaiserslautern, das reformiert geblieben war. Pfalzgraf Johann Casimir
brachte sie im Kloster Otterberg unter. 1579 regelte er mit der so
genannten »Kapitulation« u.a. die Neugründung der wallonischen Gemeinde
und das künftige Verhältnis von Fürst und Untertanen. 1581 verlieh er
der jungen Kommune Stadtrechte, die durch Tuch- und Lederindustrie
sowie Ackerbau rasch wuchs: Bereits 1612 hatte Otterberg ca. 2000
Einwohner und war über den Klosterbezirk hinausgewachsen, wie u.a. die
Stadtansicht eines niederländisch beeinflussten, namentlich unbekannten
Frankenthaler Malers aus der Zeit um 166/1620 zeigt, die im
Historischen Museum der Pfalz in Speyer aufbewahrt wird.
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Blick auf die Abteikirche von Südosten |
Die friedliche Phase währte nur kurze
Zeit. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Pfalz von Tilly,
Feldherr der katholischen Liga, besetzt. Otterberg wurde 1622 und 1635
von den Spaniern eingenommen, 1631/32 von den Schweden, 1634/35 wurde
ein Drittel der Häuser zerstört. Zeitweilig kehrten die Zisterzienser
zurück. Ein Teil der reformierten Bevölkerung floh. Nach dem Ende des
Kriegs rief Pfalzgraf Ludwig Philipp 1648 zur Rückkehr auf. Freilich
kehrten nicht alle Wallonen zurück, es siedelten sich nun auch deutsche
Familien an, so dass 1680 28 reformierte, acht lutherische und neun
katholische Familien in Otterberg gezählt wurden. Die Situation der
reformierten Gemeinden verschlechterte sich unter Kurfürst Philipp
Wilhelm, der vornehmlich katholische Gemeinden förderte.
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Im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-97)
besetzten Truppen des französischen Königs Ludwigs XIV. die Pfalz und
die linke Rheinseite und verwüsteten sie weitgehend. Auch die
katholischen Geistlichen der französischen Besatzung betrieben die
Rekatholisierung. Ein großer Teil der Gemeinde floh 1690 nach
Nassau-Schaumburg in die kleine Grafschaft Holzappel an der Lahn. Die
Bevorzugung der Katholiken verstärkte sich unter Philipp Wilhelms Sohn
Johann Wilhelm. 1691 gestattete er den Katholiken die Mitbenutzung der
Otterberger Kirche. 1698 erließ er das »Simultaneum«, wonach sämtliche
reformierten Kirchen und Friedhöfe für katholische und lutherische
Gemeinden zu öffnen seien.
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Dagegen intervenierte der
protestantische Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg. In der
»Religionsdeklaration« von 1705 wurde festgeschrieben, dass in jeder
Stadt mit zwei Kirchen eine den Katholiken zu übergeben sei, die
Lutheraner durften alle Kirchen behalten, die sie seit 1624 in Besitz
hatten. Alsbald kehrten die Flüchtlinge nach Otterberg zurück. Man
einigte sich 1707 darauf, dass die reformierten Gemeinden das Langhaus
erhielten, die katholische Pfarrgemeinde Chor und Querhaus. 1708 wurde
zwischen Quer- und Langhaus eine »Schied Mauer« errichtet.
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Blick in das Mittelschiff nach Westen |
| Otterberg
heute |
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Nach über 200 Jahren der räumlichen
Teilung dient die ehem. Abteikirche heute als Gotteshaus der beiden
christlichen Konfessionen. Voraussetzung dafür war der Abriss der
Trennwand 1979 und die nachfolgende Innenrenovierung bis 1987, so dass
der großartige mittelalterliche Kirchenraum wieder als Ganzes erleb-
und liturgisch nutzbar geworden ist. Die Otterberger Kirche, die größte
Simultankirche der Pfalz, ist somit gerade durch ihre wechselvolle
Geschichte zu einem Symbol der Ökumene geworden, zu einem Zeichen der
Überwindung der Trennung. Und wenn sich die beiden Gemeinden heute vor
einem Altar zur Feier der Heiligen Messe bzw. des Gottesdienstes
versammeln, so ist dies einerseits ein Hinweis auf die gemeinsamen
Wurzeln im Glauben an das Opfer Christi und gleichzeitig ein
hoffnungsfroher Ausblick auf die zukünftige ökumenische Zusammenarbeit
in gegenseitigem Verständnis und Vertrauen.
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Copyright:
Deutscher Kunstverlag GmbH
München Berlin
Nymphenburger Str. 84
80636 München
Tel. 089/1215-22
Fax 089/121516-16 |
Aufnahmen:
Michael Jeiter, Morschenich
Hans Freytag, Neuhofen
Historisches Museum der Pfalz,
Speyer
Bischöfliches Bauamt, Speyer |
Text:
Dr. Eduard Sebald
c/o Landesamt für
Denkmalpflege, Mainz |
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Führungen:
Tourist Information
Hauptstr. 61
61679 Otterberg
Tel. 06301/31504 |
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26.04.2011
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